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Aufzeigen und
Aufzeichnen. Dokumentieren im performativen Akt
Eine Untersuchung zur Relation von Performance
und Dokument
Grau Pascale
Theoriearbeit
Mit meiner Arbeit zum Thema „Aufzeichnen und Dokumentieren“ vergleiche ich vier Performance-Projekte aus den 1990er-Jahren, in welchen das Dokumentieren bereits beim Produzieren mitgedacht ist. Die Analyse bestätigt meine Forschungsthese, dass der performative Akt bereits konzeptuell mit dem Dokument und der Dokumentation verschränkt ist. In allen vier Beispielen spielen die medialen Dokumente und Dokumentationen im performativen Akt eine konstituierende Rolle. Dadurch wird ein performativer Akt nicht als „originärer“ und auratischer Moment zelebriert, sondern er erweist sich als in mediale, meist
partizipatorische, Inszenierungen eingebettet. Diese beinhalten Formen der Teilhabe, die sich auf aktuelle Theorien der Performativität stützen. Neben der Medialität wird auch die kuratorische Rahmung als Teil des performativen Aktes verstanden. Damit lässt sich belegen, dass sowohl der Übergang zwischen künstlerischem und kuratorischem Projekt als auch die Grenzen zwischen Theater, Film, und (kultureller) Performance sich im Verlauf der
1990er-Jahre verwischen. In Anlehnung an die Performancetheoretikerin Rebecca Schneider
schreibe ich sowohl dem performativen Akt als auch seinen Dokumenten und Dokumentationen Performativität zu. Diese Erkenntnis kann sowohl in künstlerisch kuratorischer als auch in forschend vermittelnder Arbeit fruchtbar werden.
Parallel zu dieser Entwicklung der Performance-Art „out of actions“ fand in den Kulturwissenschaften in den 1980er-Jahren eine Verlagerung vom Leitbegriff „Struktur“ hin
zum Leitbegriff „Prozess“ statt. Avantgardistische Kunstformen der 1960er-Jahre wie Performancekunst, Bodyart und Landart hatten diese Wende vorweggenommen, doch erst die Performancetheorien aus den Kulturwissenschaften stellten diese Vorleistungen in den
1990er-Jahren auf ein theoretisches Fundament. Rebecca Schneider geht in ihrem Aufsatz „Performance Remains“ (2001) noch weiter: anstatt Performance nur als „vergänglich“ und unreproduzierbar zu apostrophieren wie Peggy Phelan dies tut, hebt sie hervor, dass
Performancekunst sich gerade dadurch auszeichnet kontingente und kulturelle Phänomene
in Erscheinung zu bringen und Erinnerlich zu halten. Derperformative Akt wird so zu einer Form von Dokument. Diese Aussage macht eine Reformulierung des Handlungspotentials von künstlerischen Performances, ihren Dokumenten und dem, was in Archiven überdauert,
möglich.
Eine besondere Rolle kommt in diesem Dokument-Konzept von Performance der Augenzeugenschaft zu. Als an den Performances Beteiligte setze ich das Augenmerk auf das ganze Dispositiv von Performancekunst, das vom Produzieren, Präsentieren, Rezipieren bis zum Überdauern im Archiv reicht. Erfreulich war, dass sich der Aspekt der Zeugenschaft auch auf die künstlerische Praxis anwenden liessen (Thema der praktischen Arbeit).
Mentorin:
Dr. Sabine Gebhardt Fink
Kooperationen:
Projektraum Kaskadenkondensator,
Basel www.kasko.ch und
Bildwechsel, Dachverband für Frauen/ Medien/ Kultur, Hamburg www.bildwechsel.org
Mediale Arbeit
„Un tout petit peu“
Videorecherche zu Aneignung und Differenz.
Video, DVD, loop
Im Kontext meiner theoretischen Masterarbeit ist meine Videorecherche zu Aneignung und Differenz mit dem Titel „Un tout petit peu“ ein Experiment, wie ein performativer Akt und sein Dokument sich wechselseitig bedingen. Dazu habe ich die ursprünglich als öffentliche Aufführung konzipierte Performance im Studio für die Kamera und ein Sekundärpublikum nachgestellt. Vor der Videokamera verkörpere ich meine beiden Grossmütter. Um sichtbar zu machen, was sich beim Verkörpern ereignet, falle ich gelegentlich aus meiner ‚Rolle’ und stelle die Grossmütter erneut in mir als Differenz her. Das Experiment, das Eigene im Fremden und das Fremde im Eigenen sichtbar zu machen, endet in einer neuen Geschichte über mich und meine beiden Grossmütter. Totale und Close-ups aus verschiedenen Blickwinkeln und der Sound - ein essayistischen Erinnerungstext - werden nach filmischen Gesichtspunkten geschnitten und ‚unfilmisch’ gebrochen, sodass eine Mischung aus Film-, Theater- und Performancedokument entsteht. Gerade dadurch, dass die künstlerische Performance einen Metakommentar zur Kultur und deren Theorie herstellt und als eine Form des Erinnerns aufgefasst werden kann, ist sie geeignet, die Kontingenz kultureller Phänomene, auch jene der Medialisierung, immer wieder neu/performativ in Erscheinung zu bringen. Mediale Dokumente und Dokumentationen müssen als Material für weitere Beschreibungs- und Erinnerungspraktiken aufgefasst werden.
Mentorat
Gabriel Baur
Kooperation
Galerie Helga Broll,
www.galerie-broll.com
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